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| Das siebente Leben - Roman Teil 4 In der Nacht werde ich geweckt. Die Wellen krachen mit lautem Getöse an die Klippe, der Wind pfeift ohrenbetäubend und der Bus wiegt sich. Regentropfen prasseln laut auf das dünne Blechdach. Ich quäle mich aus dem warmen Schlafsack um die Schiebefenster zu schließen. Mache ich mir doch Gedanken, dass die Türverkleidungen aus Tierhaut wegen Nässe wieder zum Leben erwacht und flüchtet. Und so ganz ohne Türverkleidung ist auch doof. Murrend wickele ich mich wieder in den Sack und seufze ein leises: "Scheiße, morgen tauchfrei, wir können ausschlafen." Und so ist es dann auch - heute am Dienstag: Wolken, viel Wind, hohe Welle, teilweise Regen: Ergo: Tauchfreier Tag. Als erstes spazieren wir mal hoch zum Sockel des gewaltigen Leuchtturmes. Vor hier aus hat man einen noch besseren Ausblick als von unserer Schlafstätte. Danach wieder zurück zum Bus und ab zur Tauchbude. Petrus hat etwas Zeit und zeigt mir seine neuste Anschaffung; ein Buch über den gesunkenen Italienischen Passagierdampfer "Sirio", herausgegeben letztes Jahr zum 100 jährigen Untergangstag. Er verbindet das Thema gleich mit dem Satz, dass Manu so kurzfristig keine behördliche Genehmigung für uns beide bekommen hat. Wir müssen uns das für nächstes Jahr aufheben. Der stattliche Dampfer ist auf den Felsen "Bajo de Fuera" im August 1906 aufgelaufen und gesunken. Vor zwei Jahren hatte ich die Möglichkeit, an diesem heißen Spot drei Tauchgänge tätigen zu dürfen. Ich hatte kurz danach und wieder zu Hause, eine kleine Abhandlung über den möglichen Verlauf des Unterganges verfasst und veröffentlicht. Und zu meiner Genugtuung stelle ich nun beim Blättern in diesem schön aufgemachten spanischen Buch fest, dass ich mit meiner Theorie gar nicht so weit daneben lag. Zwischenzeitlich sind eben zwei Jahre ins Land gezogen und der Rummel um die "Sirio" hat um ein Vielfaches zugenommen. Im www findet man nun nicht nur zwei Einträge bei Verwendung der richtigen Stichwörter, sondern eher einhundert. Petrus und ich quackeln noch so über dies und das. Dann starten meine Freundin und ich den Motor unseres Busses und fahren nach Cartagena und machen einen Abstecher in das Marinemuseum. Hier traue ich meinen Augen nicht; ich sehe in einem der Flure viele Dutzend Schiffsglocken an der Wand. Ich lese mir die Schiffsnamen durch und stelle fest, dass kaum eine von einem Wrack ist und bin mehr als beruhigt. Danach geht es in die Stadt - die Freundin braucht noch dringend etwas zum Anziehen, denn schließlich ist sie nackt angereist - und nun sitzen wir gemütlich in einem Cafe`. "Weist du, dass die Deutschen U-Boote während des ersten Weltkrieges hier im Großraum Cabo de Palos verdammt viele stattliche Schiffe auf den Grund des Meeres geschickt haben? Und weißt du auch, dass die meisten davon in erreichbarer Tiefe von etwa neunzig bis einhundert Metern liegen und viele noch nicht betaucht sind?" Frage ich sie. "Nö!" Ich winke ab und wechsele das Thema auf die neuen Klamotten. Schnell haben wir eine ausführliche Konversation. "Lass und bitte noch zu der kleinen Abwrackwerft raus fahren . ist nicht weit. Du erinnerst dich? Dort lagen vor gut zwei Jahren zwei an den Strand gezogene Minensucher aus den Fünfzigern. Vielleicht ist da noch wat zu holen!" Schlage ich bereits im Gehen inbegriffen vor. Sie willigt ein. Schnelle sind wir an dem - für mich - hoch interessanten Platz. Doch von den Schiffen ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Nur noch fein sortierte kleinere Haufen und ein Rettungsboot finde ich vor. Damals hatte uns der "Werftbesitzer" laut schreiend verjagt und beinahe die Hunde auf uns gehetzt. Ich war mir damals nicht bewusst, dass mir mein Ruf so weit voraus geeilt ist und man grundsätzlich bei meinem Erscheinen sogleich die Hunde los lässt. Diesmal jedoch ist der Werftbesitzer nicht vor Ort - die Hunde jedoch sehr wohl, aber an der Leine . lang gehalten. Einer von ihnen will mich anspringen, wird aber jäh von der Leine auf den Rücken geworfen. Verdammt; der Kerl hat ihnen einen "diverhans-Lappen" vor die Hütte genagelt. Wo hat er bloß eines meiner alten T-Shirts her? In einer Ecke schraubt ein junger Kerl - der mich nicht zu kennen scheint. Und in einer anderen Ecke liegt ein Stapel kleiner und größerer Bullaugen; die einen mit Deckel, die anderen ohne. Ich weiß - als alter Fachmann - dass hier nicht viel Messing zu holen ist und schon rein gar keine Bullaugen aus Messing. Es waren Minensuchboote, und diese sollten möglichst kein eigenes Magnetfeld erzeugen. So werden diese Bullaugen eher aus Leichtmetall sein. Aber; immerhin! Bevor ich anfangen möchte zu nesteln, rufe ich ein lautes "Hola!" dem jungen Mann entgegen und glaube mich damit offiziell angemeldet zu haben. Als ich das erste Eye in meinen Händen halte und meiner noch in sicherem Abstand vom Hoff wartende Freundin mitteilen möchte, dass diese tatsächlich aus Leichtmetall sind, saust ein weiterer Hund aus einer Nische hervor. Ich schaffe es gerade noch nach hinten in die Modder zu hechten, dann streckt auch diesen Hund die stabile Kette nieder. Der Junge Mann legt seine Arbeit bei Seite; er ist riesengroß und kommt auf mich zu. Gott sei Dank grinst er - scheinbar zufrieden. Ich reiche ihm meine nun dreckverschmierte Hand zum freundschaftlichen Gruß entgegen. Danach ist sie zudem ölverschmiert - aber, was macht das jetzt noch. Ich sehe aus wie ein Schwein . und bekleckert habe ich mich auch noch. "Sind die . die Dinger . hia . zu verkaufen? Wieviel?" Frage ich und setze während des Brieftaschezückens sogleich fort: " Ich nehme alle . den ganzen Stapel. Egal in welchem Zustand. Siehst du den Bus da. Wieviel . und ich bin mit dem Haufen . hia . in einer Sekunde verschwunden!?" Meine Freundin kommt in Irrgartenmanier dicht zu mir heran; sie vermutet so einen Weg durch das Hunde-Minenfeld zu finden, ohne auf der Stelle zerfetzt zu werden. Mein Gott, sie hat es geschafft - wat füa ne Leistung und so viel Mut! Der lange Kerl krault sich an den Bartstoppeln, dann sagt er etwas auf Spanisch. Doch ich verstehe es nicht. Meine Freundin mischt sich ein und kritzelt eine 15 auf eines der kleineren Bullaugen ohne Deckel und eine 20 auf ein Bullauge mit Deckel. Dahinter findet sich das Euro-Zeichen wieder. Dann kritzelt sie eine 75 in den Sand und zeigt auf den ganzen Haufen. Das kommt sicher rein mathematisch betrachtet nicht hin, doch hat die Freundin im Laufe der Jahre mit mir einen ausgeprägten Geschäftssinn entwickelt und versteht das Gesetzt des Mengenrabattes. Der lange Kerl grinst nun lauthals und kritzelt auf ein unbeschriebenes Schiffsfenster der kleineren Art eine 200 - 250 und auf ein großes eine 350. Mir fällt die Kinnlade runter. "Nee mein Lieber . schiebe dir doch bitte einfach deine Bulleneier allesamt in deinen Arsch!" Lautet meine Deutsche Antwort, und ich riskiere nun gerne für diese Unverschämtheit - auf beiden Seiten - einen Kampf mit der Hundemeute. Doch nichts passiert, scheinbar versteht der Gute wirklich kein Deutsch. Und so lege ich meine rechte flach an die Schläfe und wende mich im Gehen inbegriffen ab. Handeln auf die Hälfte erscheint mir grundsätzlich immer noch deutlich zu viel. Abends im Bus bearbeiten wir Fotos von einer früher getätigten Reise am Laptop. Die paar neuen Fotos schauen wir uns nun nicht extra an, da die Kamera dazu aus dem Gehäuse geholt werden müsste. Es ist nun schon Mittwoch - die Zeit vergeht wirklich verdammt schnell und es ist weder etwas Spektakuläres passiert, noch haben wir eine Ernst zu nehmende Anzahl von Wracksfotos verschiedenster Spots im Kasten. Ich bin nicht zufrieden mit dem bisherigen Verlauf unserer weiten Reise. Der Himmel ist Wolken verhangen, die See hoch, der Wind noch vertretbar. Petrus hatte kurzfristig umdisponiert und will mich überraschen: Er hat sich den heutigen Mittwochmorgen frei genommen, einen weiteren Wrackbegeisterten herbei telefoniert. Wir treffen uns am heutigen Morgen um neun Uhr an seiner Basis. Und was ich als Scherz gehalten hatte - und Petrus neigt selten zu scherzen - bewahrheitet sich nun. "Okay, meinetwegen kann es losgehen. Carlos müsste gleich eintrudeln. Wir suchen einen unbekannten Frachter . ich glaube eine ernstzunehmende Position gespeichert zu haben." Spricht er zu mir, währenddessen seine rechte Hand auf meiner Schulter lastet. Petrus hat mir ziemlich gleich nach unserer Ankunft von einer Begebenheit berichtet. Er und ein in Freundschaft konkurrierendes Tauchbasenboot hatten auf der Rückfahrt von der "Carbonero" vor einiger Zeit einen auf dem Schlammgrund als Felsen unmöglichen Ausschlag auf dem Fishfinder. Und das andere Boot hatte die Position mehr oder minder gleich auf dem GPS-Gerät gespeichert. Zudem hatte sich Petrus im Nachhinein bei den ortsansässigen Fischern in den Netzhacker-Karten "verbal" vergewissert. Und tatsächlich sollen die Fischer von einem Wrack gesprochen haben. Etwas danach trudelt Carlos ein. Dafür, dass er gerade aus Malle kommt, ist er beeindruckend pünktlich. Mein Gott - der Kerl kommt aus Malle eingeflogen um an diesem Schauspiel dabei sein zu dürfen . und ich komme auch mit. Viele Freaks scheint es hier unten wohl eher nicht zu geben, zumal Petrus von einem Erscheinen meinerseits in der E-Mail nicht fest ausgehen konnte. Das Wetter ist brenzlig und darum besteigen wir drei Männer seinen alten Wagen und fahren hoch zum Leuchtetürmchen, denn - wie bereits erwähnt - hat man von hier aus den besten Blick auf die weite See . in alle möglichen Richtugen. Der Wind hat um 180° gedreht. In der Nacht hat sich die Welle zwar kompensiert, doch baut sie sich gerade wieder minutiös auf. Petrus kratzt sich an seinem weißen Zickenbart; dann schaut er mich an. Seine Augen verharren starr in meinem Gesicht. "Du(!) bist der Seemann, wenngleich du mir vor gut zwei Jahren mit meinem eigenen Boot glattweg über die Birne gefahren bist. Aber du bis Gott sei Dank mit deinem Boot hier und ich glaube dir wortlos, dass du nun - mittlerweile - dein letztes Manko . also Schlauchboot fahren hinreichend geprobt hast. Also . was machen wir? Fahren wir?" Meine Gesichtszüge verlassen die Coolness und ein breites Grinsen entfaltet sich. "Klar . alter Mann! Du hast doch nicht etwa was anderes von mir erwartet?" "Nee!" Sagt er kopfschüttelnd "Von dir(!) habe ich weiß Gott wirklich nichts anderes erwartet. Also . dann komm! Der Wind nimmt noch zu!" Wendet er sich bereits ab und zerrt an Carlos - der rein gar nicht gefragt wurde. *** Fortsetzung folgt *** © Rene Heese 2007 Rechtlicher Hinweis: Dieser Roman ist frei erfunden. Die Gegebenheiten, die Tauchgänge haben so nie statt gefunden. Tauchen ist lebensgefährlich. Ich rate von Tauchgängen und Nachahmungen dringend ab. Keine Haftung aus Nachahmung! |
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